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Niederländischer Champion aus dem Himalaya hat mit 17 schon viel erlebt / Wunderkind Anish Giri (Foto) wird in Dortmund abgestempelt
 von FM Hartmut Metz, 30. Juli 2011
 
GM Anish Giri In einer Fußballstadt wie Dortmund klebt rasch ein rundes Etikett an einem: Als Wunderkind auf 64 Feldern wird man so eben rasch zum "Mario Götze des Schachs" abgestempelt, auch wenn Anish Giri eher den Vergleich mit dem holländischen Ausnahmekicker Ruud Gullit verdient – schon allein, weil der 17-Jährige einen noch interessanteren Lebenslauf besitzt als der Nationalspieler aus Surinam: nepalesische Wurzeln, in Russland sowie Japan aufgewachsen und inzwischen zweifacher niederländischer Meister – der Erwachsenen wohlgemerkt, die der kleine Giri mit 7,5:1,5 Punkten düpierte und um volle zwei Zähler distanzierte.

 
 Durch diesen grandiosen Erfolg schoss der Sohn des nepalesischen Hydrologen Sanjay Giri und der Russin Olga in der Weltrangliste bis auf Platz 26 vor. "Ob ich Profi werde oder etwas anderes mache, sehe ich in zwei Jahren, wenn ich die Schule abgeschlossen habe. Das will gut bedacht sein", beweist der einst mit 14 Jahren jüngste Großmeister der Welt, dass er im Leben genauso überlegt ans Werk geht wie auf dem Brett. "Zeit"-Kolumnist und Großmeister Helmut Pfleger hält große Stücke auf den "sympathischen Giri. Ich traue ihm viel zu, er ist sicher ein außerordentliches Talent". Ex-Weltmeister Ruslan Ponomarjow, selbst ein ehemaliges Wunderkind aus der Ukraine, sieht ebenso einiges "Potenzial" bei dem Führenden der U18-Weltrangliste.
 
 Dass aber der Weg in die absolute Weltspitze noch beschwerlich ist, musste der Bundesliga-Topspieler von Turm Emsdetten in der fünften Runde des Dortmunder Chess Meetings erkennen. Mit Wladimir Kramnik saß dem Jungen aus Delft ein 36-jähriger Routinier gegenüber. Der ehemalige Weltmeister aus Russland erteilte dem Herausforderer eine Lektion, nachdem dieser keck die Grünfeld-Indische-Verteidigung mit Schwarz wagte – obwohl Kramnik in dieser Variante als einer der größten Experten gilt. Mit einer neuen Fortsetzung im 13. Zug überraschte Weiß den Gegner. Giri verstand die Stellung bald nicht mehr und griff fehl. Freudestrahlend erzählte Kramnik danach: "Ich habe diesen Zug schon für mein WM-Match gegen Garri Kasparow im Jahr 2000 vorbereitet. Bis heute musste ich warten, um ihn anzuwenden!"
 
 Angesichts von 6:1 Punkten gibt es kaum mehr Zweifel, dass der bisher überragende Rekordsieger zum zehnten Mal in Dortmund triumphieren wird. Kramnik lag vor den letzten drei Partien fast uneinholbar vor dem Vietnamesen Le Quang Le (4). Giri (3,5), der Vorjahressieger Ponomarjow (3) in der siebten der zehn Runden schlug, rückte auf Platz drei vor. Am Tabellenende folgen der enttäuschende Weltranglistensechste Hikaru Nakamura (USA/2,5) und Georg Meier (2). Der Trierer hatte am Donnerstagabend in der Rückrunde seine zweite Niederlage gegen den herausragenden Kramnik kassiert.
 
 Für das einzig verbliebene deutsche Topturnier durfte sich der Schüler des Grotius Colleges in vorgezogene Sommerferien verabschieden. Mathe und Physik sind – typisch für Schachspieler – seine Lieblingsfächer. Die Sprachkenntnisse lassen derweil nach. Holländisch beherrscht Giri wie seine zwei Schwestern mittlerweile, seit es Vater Sanjay 2008 von Japan an eine Forschungsstelle für Hydrologen in Delft verschlug. "Japanisch habe ich aber alles vergessen", gesteht der gebürtige St. Petersburger, der mit sechs in Russland durch ein Spielebuch Schach gelernt hatte und als U9-Meister auf Hokkaido kaum Gegner fand. Deshalb spielte Giri zunächst weiter für Russland und wurde in seinem Geburtsland U12-Champion.
 
 Mau sieht es auch mit der Sprache seines Vaters aus. "Mit meinen Verwandten in Nepal übe ich halt nicht", bedauert das in der Schule auch noch Deutsch paukende Ausnahmetalent. In einem Punkt ist der 17-Jährige aber bereits die Nummer eins: Seine Webseite kürte das "Schach-Magazin 64" zur "besten Homepage eines Großmeisters". Sie wird in sechs Sprachen gepflegt, darunter durch Freunde auch auf Japanisch. Vater Sanjay kümmert sich um die nepalesischen Nachrichten. Einen Boom im Himalaya hat das aber noch nicht ausgelöst: "Nepal ist eben kein Schach-Land. Dort interessiert sich nur meine Verwandtschaft dafür", weiß der potenzielle Nationalheld. Im nahen Indien begeisterte sich allerdings vor Weltmeister Viswanathan Anand auch kaum einer für den Denksport. Als weiterer Ansporn kommt für Giri jetzt hinzu: Mit dem WM-Titel wäre gewiss das Etikett als "Mario Götze des Schachs" abzustreifen …
 
 Giri schlug in der achten Runde der niederländischen Meisterschaft Ruud Janssen. (Mit freundlicher Genehmigung von FM Hartmut Metz) Foto: Copyright: IM Georgios Souleidis

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